Freitag, 1. Juni 2012 21:00 Konzerthalle Ulrichskirche

Concerto Grosso. Neue Musik in alter Form - Uraufführung

Neukompositionen von C.-M. Sinnhuber und J. Masanetz sowie Werke von G. F. Händel


DAS PROGRAMM

Joseph Haydn (1732–1809)
Sinfonie Nr. 6 D-Dur „Le matin“ Hob. I:6

Jan Masanetz (* 1979)
DRIFT, Concerto grosso (UA)

Claire Mélanie Sinnhuber (* 1973)
Concerto grosso (UA)

Igor Stravinsky (1882–1971)
Concerto Es-Dur „Dumbarton Oaks”  für Kammerorchester

ZUM KONZERT

Kann eine typisch barocke Konzertform auch heute noch zu neuen Kompositionen inspirieren? Sie kann, und zu welch eindrucksvollen Ergebnissen ein solcher kreativer Dialog mit der Vergangenheit führen kann, werden Claire-Mélanie Sinnhuber und Jan Masanetz heute Abend zeigen.

Ein Jahr ist es her, dass die Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt gemeinsam mit der Cité des Musiques Anciennes et de la Création (CIMAC) in Tours deutsche und französische Komponisten eingeladen hat, Neue Musik in der Form eines Concerto grosso zu schreiben. Die Verknüpfung von alter Form und Neuer Musik sollte einen außergewöhnlichen Impuls für eine lebendige Gegenwartskunst erzeugen. Es folgten insgesamt 74 Bewerbungen, unter denen eine internationale Jury ein deutsches und ein französisches Werk auszeichnete. Die Wahl der Kommission aus international renommierten Musikern, dem Dirigenten Golo Berg, der Komponistin Betsy Jolas und den Komponisten Jérôme Combier, Philippe Leroux und Matthias Pintscher, fiel auf Claire-Mélanie Sinnhuber (39) aus Paris und Jan Masanetz (33) aus Düsseldorf. Die poetischen und eigenwilligen Klangbilder der beiden jungen Preisträger, ihre handwerkliche Nuanciertheit und musikalische Vision hatten die Juroren begeistert.

In den folgenden Monaten komponierten die beiden Gewinner jeweils ein Concerto grosso, deren mit Spannung erwartete Uraufführungen nun im Rahmen der Händel-Festspiele in Halle (Saale), der heimlichen Hautstadt des Concerto grosso, zu erleben sind. Denn dass die Kunststiftung sich vor einem Jahr ausgerechnet für die Form des Concerto Grosso entschieden hatte, ist durchaus kein Zufall, ist ihr Sitz doch zugleich die Geburtsstadt eines der berühmtesten Meister dieser Form: Georg Friedrich Händel, 1685 in der Saalestadt geboren, hinterließ zwei Konzertserien mit Concerti grossi, die zu den besten ihrer Gattung gehören. So kehrt mit Claire-Mélanie Sinnhuber und Jan Masanetz eine typisch barocke Form an den Ort ihres historischen Höhepunkts zurück und wird von neuem lebendig. Für die Uraufführung in der Ulrichskirche konnten die Initiatoren das Pariser Ensemble Cairn und die Staatskapelle Halle gewinnen.

Beim Concerto grosso treten traditionell eine kleine und eine große Instrumentalgruppe in einen musikalischen Dialog miteinander: Das Concertino des Ensemble Cairn trifft auf das Ripieno der Staatskapelle. Und so lässt Jan Masanetz in seiner Komposition DRIFT das Ensemble Cairn im virtuosen Wechsel mit dem Orchester verschmelzen und dann wieder solistisch hervortreten. Wie ein Stück Treibgut auf dem Meer soll die Musik frei schweifen, ein spielerisches Driften durch die Fantasie mit Flöte und Klarinette, Sopransaxophon und – E-Gitarre. Zwölf Minuten bleiben dem Hörer, der „inneren Drift der Akkorde“ nachzuspüren und ihrem harmonischen Gang durch eine Komposition in einem Satz ohne feste Tonart zu folgen.
Genauso virtuos und doch ganz anders verfährt Claire-Mélanie Sinnhuber. Auch ihre Komposition ist ein Dialog, und an die Seite Händels treten darin Bach und Mozart. Das Echo der Vergangenheit begleitet sie beim Komponieren und findet hier und da, in Ahnungen und Andeutungen, Eingang in ihre Partituren. Die großen Werke der Historie sind die Inspiration, die im Werk Claire-Mélanie Sinnhubers in ein freies Spiel tritt – der freien Form des Concerto grosso entsprechend, das das Verhältnis der Solisten zum Gesamtorchester offen lässt. „Man muss“, sagt Sinnhuber, „alle äußeren Stimmen zum Schweigen bringen, selbst die allerschönsten, um die innere Stille einzufangen, die einzig es erlaubt, zu komponieren.“ Und sie ist es auch die man zum Hören braucht.

Die aus der französischen Schweiz stammende Komponistin Claire-Mélanie Sinnhuber, geboren 1973, studierte Komposition am IRCAM in Paris (Institut de recherche et coordination acoustique/musique) bei Sergio Ortega, Allain Gaussin, Ivan Fedele, Philippe Leroux sowie am dortigen Konservatorium bei Frédéric Durieux. Claire-Mélanie Sinnhuber ist zunehmend in namhaften Institutionen und bei Festivals zeitgenössischer Musik vertreten. Sie komponiert auch für angewandte Bereiche wie Tanz, Theater, Dokumentarfilm und für Videoarbeiten. Für ihre Kompositionen erhielt sie bereits zahlreiche Auszeichnungen, so 2006 den Prix Francis et Mica Salabert oder 2007 den Prix composition Georges Enesco des SECAM. Ihre Werke kamen bereits international zur Aufführung, Beispiele sind das Forum Neues Musiktheater in Stuttgart, das Festival MaerzMusik in Berlin oder das Suntory Summer Festival in Tokyo.

Jan Masanetz, geboren 1979, studierte zunächst Klassische Gitarre, bevor er zur Komposition bei Manfred Trojahn in Düsseldorf und später bei Wolfgang Rihm in Karlsruhe wechselte. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht die Vokalmusik, vor allem größere, oratorische Formen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Orchestermusik, wovon man sich nun in Halle überzeugen kann. Jan Masanetz war bereits Preisträger zahlreicher internationaler Kompositionswettbewerbe. So erhielt er unter anderem 2006 den 1. Preis beim Kompositionswettbewerb der Mozartstiftung von 1838 zu Frankfurt am Main und gewann 2008 den 1. Internationalen Kompositionswettbewerb des Vereins der Freunde und Förderer des MDR-Rundfunkchores Leipzig. Aufführungen seiner Kompositionen fanden unter anderem im Rahmen des Next-Generation-Programmes der Donaueschinger Musiktage, der Darmstädter Ferienkurse oder des MDR Musiksommers statt.

Die internationale Ausschreibung fand im Rahmen der Regionalpartnerschaft zwischen dem Land Sachsen-Anhalt und der französischen Région Centre statt. Die französische Uraufführung folgt am 30. Juni 2012 in der Abbaye de Noirlac, es spielt das Orchestre Symphonique Région Centre-Tour.


KÜNSTLERBIOGRAFIEN

Golo Bergs Schaffen verweist auf ein breit gefächertes Konzert-Repertoire, das nahezu alle gängigen sinfonischen Standardwerke umfasst. Sein Augenmerk gilt immer auch dem aktuellen Musikschaffen, wovon über 50 Uraufführungen unter seiner Leitung zählen. Erste Engagements führten Golo Berg an das Landestheater Mecklenburg-Neustrelitz, wo er mit 21 Jahren zu einem der jüngsten Chefdirigenten ernannt wurde. Golo Berg dirigierte zahlreiche Orchester, darunter das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das MDR-Sinfonieorchester Leipzig, die NDR Radiophilharmonie Hannover und die Hamburger Symphoniker. Als Operndirigent zählt Berg zu den vielseitigsten Künstlern seiner Generation. Mit der Anhaltischen Philharmonie Dessau erregte er durch eine Reihe von Aufführungen zeitgenössischer Werke deutschlandweit Aufsehen, darunter Heiner Goebbels’ Surrogate cities, Bernd Alois Zimmermanns Roi Ubu oder Luciano Berios Sinfonia. Golo Berg ist zunehmend an internationalen Projekten beteiligt, zu nennen wären Konzerte mit dem Tokyo Metropolitan Orchestra, dem Kyushyu Symphony Orchestra sowie, im Auftrag des Goethe-Institutes Peking, die Aufführung von Tan Dun's Monumentalwerk Heaven-Earth-Mankind in Wuhan/China. Im Auftrag des Deutschen Musikrats, für den er auch als Juror tätig ist, leitet Golo Berg regelmäßig Meisterkurse für Dirigenten.

Das französische Ensemble Cairn gehört zu den international renommiertesten Ensembles für Neue Musik. Sechs der Musiker aus Frankreich sind nun erstmals zu Gast bei den Händel-Festspielen in Halle (Saale). Das Ensemble Cairn, das sich aus Absolventen des Conservatoire National Supérieur de Paris zusammensetzt, wurde 1997 vom französischen Komponisten Jérôme Combier gegründet und ist seitdem auf zahlreichen renommierten internationalen Musikfestivals vertreten. Der Name Cairn leitet sich ab von kleinen Steinanhäufungen, die in den Bergen als Wegmarkierung dienen und denen jeder Passant seinen eigenen Stein hinzufügt. Das entspricht dem Anliegen des Ensembles, bei dem die Hierarchien flach und jedes Mitglied wesentlicher Bestandteil ist. Die Bereiche Leitung, Komposition und Instrumentation sind weitgehend austauschbar. Regelmäßig beauftragen sie namenhafte Komponisten mit Auftragskompositionen. Für ihre musikalische Leistung auf höchstem Niveau wurden die Musiker bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Coup de cœur Charles Cros im Jahr 2006.


Die Tradition und Geschichte der Staatskapelle Halle ist ebenso einzigartig wie vielfältig, denn mit ihrer Gründung im Jahr 2006 wurden mit dem Orchester des Opernhauses und dem Philharmonischen Staatsorchester zwei Klangkörper mit jeweils eigener künstlerischer Tradition zusammengeführt. Hierdurch konnte eines der größten und vielseitigsten Orchester Deutschlands entstehen, das als Kulturbotschafter der Stadt Halle und des Landes Sachsen-Anhalt die Traditionen beider Orchester fortsetzt. Unter dem Generalmusikdirektor Karl-Heinz Steffens präsentiert die Staatskapelle seinem Publikum ein umfassendes Repertoire vom Barock bis zur Gegenwart und ist gleichermaßen in den Genres Oper, Operette, Musical, Ballett und Kammerbühnen-Produktionen zu Hause. Gastspielreisen führten die Staatskapelle Halle in letzter Zeit unter anderem nach Ravello, Seoul, Strasbourg, Innsbruck oder und zu den Schlosskonzerten Neuschwanstein. In dieser Saison folgt das Orchester erneut Einladungen in die Kölner Philharmonie, in die Philharmonie Berlin, zu den Weilburger Schlosskonzerten und zum Choriner Musiksommer.

Karten: 30, 20, 15 €


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